Vom Leben und Sterben des Drachens

Stagonat Sturmreiter

Versuche zum Hexameter

Ein Work-In-Progress-Projekt von

Eva Bekker

 

Geneigte Leserin, geneigter Leser,

hier entsteht ein Epos im alten Stil: Die Geschichte des Drachen Stagonat Sturmreiter,

der in Ketten geschlagen und dem Tode nah noch einmal Rückschau auf sein Leben hält.

Geschrieben im heute nicht mehr viel Verwendung findenden Maß des klassischen Hexameter

stellt es für die Schreibende sowie für die Leserschaft eine Herausforderung dar -

 in unserer schnelllebigen Zeit haben die meisten Menschen Schwierigkeiten,

 sich auf ein so betuliches, zuweilen tatsächlich ermüdendes Format einzulassen.

 Da es bei diesem Projekt um die reine Freude am Fabulieren sowie am Konstruieren

 der komplizierten Versform geht, wurde der ganzen Sache noch ein Sahnehäubchen

aufgesetzt, indem die Verse gereimt daherkommen - das ist bei Hexameter-Dichtung

 im allgemeinen nicht üblich.

 

Es wird vermutlich eine lange Zeit beanspruchen, die Lebensgeschichte des Stagonat Sturmreiter aufzuzeichnen.

 Deshalb ist diese Website als ein Schaufenster gedacht, in dem das Fortschreiten des Geschehens

 betrachtet werden kann. Neu geschriebene Verse werden ständig ergänzt, Änderungen, Verbesserungen

werden nach Bedarf vorgenommen. So kann das Wachsen und Ausformen des Epos miterlebt werden.

.

Ich wünsche Ihnen viel Vergnügen beim Lesen!

Hier geht es zur Zweiten Nacht Hier geht es zur Dritten Nacht

 

 

Die erste Nacht

Sprich, Zauberdrachen, vom Leben in Höhlen unter den Bergen,

Wo kein Licht leuchtet und Schatten sich drehen in leidvollem Tanz!

Sing uns von Gnomen und Trollen, von machtbesessenen Zwergen

Und auch vom Flug unter stürmischen Himmeln im Morgenglanz!

Dann zeig uns Flammen, die alles verzehren, Wälder versehren - 5

Flöße uns Angst ein, dass wir nie vergessen, was du uns raubtest.

Dass wir erinnern die Grausamkeit uralter brennender Lehren,

Die du uns einstmals erteiltest, weil Jungfern du bei uns glaubtest!

Narr! Der du Jäger nicht fürchtest - sie schlugen dich nun in Ketten!

Lang vorbei Zeiten der schlaflosen Nächte voll Zittern und Zagen! 10

Kinder und Weiber! Kommt zu uns und flieht endlich eure Betten!

Lauschet nur: Heut wird der Drachen sein Schicksal weinend beklagen!

Sprich, Zauberdrachen, enthülle uns jene finstren Gelüste

Nach edlen Steinen und Schätzen und unberührten Jungfrauen;

Von deinen Kammern, die stinken wegen der Knochengerüste, 15

Die aufgestapelt bei güldnen Kleinodien dich stets erbauen.

Sag uns schnell: Wie ist es, Menschen zu kosten, das Maul voll Blut,

Das ja noch warm pulsiert, Kräfte verhauchend, Leben verrauchend...

Es ist an uns nun, zu stillen die Schmerzen und auch die Wut,

Wenn wir dich sehen, dein Atem die letzten Züge verschmauchend. 20

Es bleibt die Frist nur, die dir bis zum Morgengrauen gegeben!

Zu uns sprich frei nun, bevor du vom Leben dich endlich trennst.

Mag auch dein Sinn nochmal weit hinauf wolkenerstürmend streben

Nichts wird es nützen, wenn lodernd du, Schlächter, schließlich verbrennst.

So sprachen Bauern, die einfachen Leute, die Angst überredend, 25

Die sie noch immer im Herzen tief drinnen ja bei sich trugen.

Doch schwieg der Drache, der Menschen Unkenntnis willig vergebend,

Auch dass sie Fesseln ihm legten und dass sie ihn hasserfüllt schlugen.

Er schloss die Augen, gedachte der Zeiten, der freien Welt,

Da er mit Jungen und ganz ungezwungen die Jungfraun verschlungen, 30

Da er noch selber ein kraftvoller Drache war - und ein Held,

Über den damals die Brüder viel ruhmreiche Lieder sungen.

Es wurde ganz still, als er nun anhob, frei das zu erzählen,

Was sich begeben in uralten Zeiten, als sie an Macht reich,

Man ihnen Opfer gebracht - und sie konnten frei alles wählen! 35

Und nichts kam damals der Schätze so sagenhaftiger Pracht gleich.

"Glitzernde Schuppen und golden erstrahlende breite Schwingen...

In meiner Jugend, ein Heißsporn und mutiger Himmelsstürmer,

Sucht ich nach Schätzen, Juwelen und anderen schönen Dingen,

War ich ein Prinz von dem Blute der edlen Gebirgs-Lindwürmer. 40

Einst war ich Schnellster und Stärkster beim Fliegen, nicht zu besiegen -

Segelte glücklich und frei auf den Wolken und mit dem Wind,

Furchtlos vertrauend, kein Jäger auf Erden konnte mich kriegen.

So voller Lebenslust, Tatendrang, Freude war ich als Kind!

Mit meinen Brüdern aufsteigen im Nebel an manchem Morgen... 45

Das war das Schönste, wir sangen und jagten immer zusammen

Was warn uns Dörfer und Menschen mit all ihren kleinen Sorgen?

Wir waren Fürsten der Lüfte, gehüllt in unsere Flammen!

Wie war die Welt jung! Die Berge - sie zeigten stolz uns die Zähne!

Standen noch hoch über Wiesen, den neuen Tag zu begrüßen, 50

Flatternd im Winde von Eis und von Schnee die blitzende Mähne!

Rauschende Wasser von Hängen abstürzten zu grasigen Füßen,

Füllend die Flüsse und Teiche: Der Lebenssaft für die Eiche,

Buche und Linde, geschwinde und lachend dem Meer entgegen,

Sättigend Felder und Wälder , das Moor auch, das duftend weiche... 55

Ach, meine Berge! Zerstört längst von Stürmen und stetem Regen!

Sie wurden gebrechlich und schwächlich, zerborsten steinerne Spitzen,

Fortgeweht Krume, zerflossen das Eis -nichts kann dort noch leben.

Wo stolz sie einstmals gethronet die Adler heut nicht mehr sitzen,

Nicht einmal Falken, nicht Hirsche noch Menschen kann es dort geben. 60

Wolkenmeerhimmel! Wie gerne doch trieben wir mit den Winden!

Blickten hinunter auf saftgrüne Wiesen, funkelnde Flüsse;

Sahen die Lichter der Sterne am Morgen sanft dahinschwinden,

Monde entstiegen Nachtnebeln - Welt voller Sinnengenüsse!

Wir rochen Düfte der Berge und Täler und die der Lüfte 65

Schmeckten Tautropfen und Quellen an Hängen, so rein und klar

Und erst die Jungfraun! - Das Fleisch zart und prachtvoll unter der Hüfte

Sie waren edel, auch kostbar gekleidet - und so verwundbar!

Unsere Lieder erfüllten die Welt, wenn Ihr sie auch scheutet,

Unsere Stimmen, die schlimmen und grimmen, wurden gehört. 70

Lange bevor wir gebrandschatzt und Reichtum von Euch erbeutet,

Wart Ihr vom Sange der Drachen entmutigt, ängstlich, verstört.

Was wisst Ihr Menschen von Zauber, Magie und von jenen Zeiten?

Kleines Gewürm seid Ihr, ohne Bedeutung in meinem Leben!

Habt Ihr erkundet die Eisluft, den Sommer, des Himmels Weiten? 75

Könnt nicht verlassen die Scholle, gefangen müsst Ihr hier kleben.

All diese Schönheit da draußen, die werdet Ihr niemals sehen.

Ihr kennt nicht Alter, noch Weisheit, nur Angst ist in Euren Herzen!

Ich sag, Ihr könnt nicht begreifen, verstehen, müsst bald vergehen...

Und Eure Tage sind Plage und Mühsal und bittre Schmerzen. 80

Aber Euch schenke ich heute Triumpf - Heil, Ihr müden Kinder!

Glanz will ich schenken für Eure Geschichten - gebt sie nur weiter -

Ich bin der letzte der Himmelserstürmer , der Schätzefinder,

Groß war ich: Drachenprinz, Wolkenfürst: Stagonat, der Sturmreiter!"

Donnernd erhob sich die Stimme gen Himmel, allen wurd bang; 85

Weinend und klagend, im Herzen versagend weinten die Bauern,

Doch ihr Versprechen - das wollten sie halten nur diese Nacht lang,

Mussten es hören, doch Furcht und auch Grauen ließ sie erschauern.

"Gib die Geschichte vom Rauben und Brennen nun und berichte,

Wie Du die Ritter erschlagen, zu stürzen der Könige edle Macht. 90

Wie Du entkommen der Rache der Herrscher und ihrer Gerichte,

Und wie Du lebtest im Dunkel der Höhlen in finstrer Nacht.

Sprich, Zauberdrachen! Sprich schnell jetzt, Dein Leben wird ja bald enden

Brennen und schmelzen wird Flügel und Schuppe im neuen Morgen

Dann wirst Du schmecken die Schmerzen, die Sinne und Augen blenden 95

Wir werden frei sein, enthoben der Ängste und unsrer Sorgen!"

"Einst waren Drachen die Freunde der Menschen in alten Zeiten,

Lebten in Ländern der Sonne und Wärme, nichts zog uns fort.

Irgendwann trugen die Flügel uns nordwärts in diese Breiten.

Das Abenteuer der Fremde verschlug uns an diesen Ort. 100

Soviele starben, die Kälte schlug Wunden, die nicht vernarben,

Sommer kam später, und bald schon der Herbstmond, Zeit Eurer Ernten -

Doch ohne Freude! Nur wenige sahen die goldnen Garben -

Welche Lektionen des bitteren Elends wir dann erlernten!

Niemand empfing uns als Helfer und Freunde in diesem Land, 105

Warn ausgestoßen, bevor wir ein Leid Eurem Volk zugefügt,

Suchten vergeblich Vertrauen, in Freundschaft gereichte Hand.

Toren, Ihr Menschen! Ein Zeichen der Achtung hätte genügt!

Wir waren Fremde, Ihr habt nicht verstanden, so angsterfüllt

Wart Ihr ja! Saht uns als Gefahr und Bedrohung - wolltet uns hassen! 110

Kampfgeschrei-Willkommen! Ihr habt geheult, uns wild angebrüllt,

Wetztet die Waffen zum Töten... Ihr wolltet uns sterben lassen!

Schlotternde Leiber - versteckt in den Hütten -, zitternde Weiber,

Keifend und geifernd, die Brut zu beschützen in ihren Koben,

Schickten aus Jäger und Krieger und furchtlose Lindwurm-Treiber 115

Uns abzustechen, die Kräfte zu brechen am Himmel droben.

Ach, kleine Menschen! Das Leben verrinnt Euch doch viel zu schnell.

Schwach seid Ihr. Nächte sind dunkel und Jahre sind nicht sehr lang,

Sommer zu heiß Euch, die Winter zu kalt, die Sonne zu hell -

Immer und immer im Herzen das Beben - warum so bang? 120

Hättet Ihr sehend und hörend uns damals gern aufgenommen -

Wir wären Wächter, nicht Schlächter, und Hüter in diesem Land,

Ihr hättet Frieden und Wohlstand! Jedoch ist's anders gekommen...

Weil Eure Herzen beklommen, die Sinne davon verbrannt.

Ach! Unsern Hass zu entfachen war töricht! Denn wir sind Drachen: 125

Stolz in den Lüften, so stark in den Stürmen und unbezwingbar!

Reichtum war nichts uns, das Glück für uns Singen und Lachen!

Stille zu wahren, in Zeiten der Feindschaft war unabdingbar,

Wir lernten schweigen - und längst sind die Lieder von einst verklungen..."

Da war ein Seufzen, erschütternd, und furchtbar war es zugleich, 130

Traurig zu hören. "Ach hättest Du einmal für uns gesungen!"

So sprachen die, deren Herzen noch sanft warn und kindlich weich.

Aber die Männer - sie zürnten und grollend kamen die Fragen:

"Seid Ihr nicht Mörder? Habt Ihr nicht gebrandschatzt und uns zerstört,

Indem Ihr Mädchen gefordert zum Mahle? Wollt Ihr's uns sagen? 135

Unsere Schönsten! Ihr Klagen - habt Ihr es denn nicht gehört?

Schöner als Sterne, so rein und so jung - auch sie lachten gerne!

Welch üble Winde, die Euch zu uns brachten! Welch eine Fügung!

Wärt Ihr geblieben in Euren Gebirgen weit in der Ferne!

Hättet gepflegt dort das Lachen als Eure einzgeVergnügung, 140

Ein Leben lang dort vom Sang nur und Spielen leicht zu ermüden...

Wären wir glücklich geblieben, nicht Trauer wär in den Herzen!

Hättet Ihr niemals die Reise begonnen herauf vom Süden,

Blieben erspart uns die Leiden - ja! Auch wir würden dann scherzen."

Wiederum seufzte der Drache, und Schmerz stand ihm im Gesicht. 145

Alte Erinnrung, wie Nebel des Gestern flutgleich ansteigend,

Machte ihn lächeln, und endlich begann er mit dem Bericht.

Kauernd am Feuer so lauschten die Menschen Stagonat schweigend.

"Angomir Abendstern, Vater der Drachen hat mich gezeugt,

Andala Adlerbraut, goldäugige Schöne, hat mich geboren - 150

Und nur vor Ihnen hab ich mich in Demut und Liebe gebeugt...

Borgosund Bergzwinger, Bruder und Freund mir... alle verloren!

Auch meine Liebe: Lumella, die Leichtflüglige - nicht mehr:

Blutgetränkt Schuppen aus prächtigstem Blau, gebrochen der Blick,

Fiel durch des Rittersmanns Speer! Ach! Die Drachen weinten so sehr. 155

Fluch sei den Menschen! Sie brachten Verderben in mein Geschick!

Jung war die Welt als wir kamen nach Norden in diese Gegend

Unter den Bergen die Reiche der Zwerge - prunkvolle Hallen,

Ruhmreich die Künste! Die Hände nie ruhend, immer sich regend,

Was für ein Anblick! Wenn Äxte hoch schwingen und Bärte wallen, 160

Zwerge entblößen die Schätze der Tiefe mit groben Stößen...

Felsenheims Kinder polieren die Steine zu warmem Glanz,

Schnitzen dann Blumen verschiedener Farben und aller Größen,

Schmücken die Bärte und Wämse sich fröhlich damit zum Tanz.

Machtvoll Burumdroor, der König im Reiche ewigen Dunkels, 165

Gatte der Mimradroor, Feinste in ihrem fleißigen Volke -

Hießen uns Freunde auf ewig inmitten edlen Gefunkels,

Kannten nicht Tage, noch Nächte, nicht Himmel, Sonne, noch Wolke.

Winterzeit, Eissturm... sie zwangen uns, Obdach für uns zu finden.

Furchtlose Zwergenfrau Mimradroor, botest uns Platz zu bleiben! 170

Warm, tief im Innern der Erde, geschützt vor bitteren Winden,

Waren wir sicher vor Kälte und beißendem Wintertreiben.

Zu spät wars! Frostige Nächte, sie drohn dem edlen Geschlechte

Der Zauberdrachen - schon starben die ersten, andre verzagten.

Nesingo Nebelfreund, warst du's nicht, der mutig sich erfrechte, 175

Bietend die Stirne dem Schicksal, wenn andre heimlich nur klagten?

Fluch über Tage wie jenen, an dem Du von uns gegangen!

Dir folgten viele im ersten der Wintermonde im Norden.

Nebelfreund, konntest ans Licht und zur Sonne nie mehr gelangen -

Es schmolzen unsere glücklichen, mutigen Drachenhorden. 180

Wackeres Zwergenvolk! Wächter des Feuers unter den Hügeln,

Aldodroor Glutfaust, wollt schmieden das Silber zu Schmuck und Kronen,

Braucht unsre Hilfe beim Schüren der Lohe mit unsren Flügeln

Tat uns mit Liedern, Geschichten und Fabeln reichlich belohnen.

Oh - welche Macht dieses Silber ausübte, wenn er ganz sacht 185

Hämmerchen klingen ließ, springen ließ, Formen ihm mitzugeben,

Sternengleich strahlend, beschämend die Schönheit des Monds zur Nacht!

Freude wars, Aldodroors Arbeit und Kunst so mitzuerleben.

Auch fasste Stein er, grünen und blauen, dazu den roten,

Setzt sie in Spangen und Ringe, verfertigte edle Schnallen... 190

Stücke zu schmücken die fröhlichen Zwerge - und auch die Toten.

Meister der Schmiede! - Auch wir warn dem Glanz schon sehr bald verfallen.

So ging der Winter... geringer an Zahl, doch nicht an den Kräften

Nahmen wir Abschied. Durumdroor und Mimradroor und die andern

Blieben zurück sich zu widmen den trauten Zwergengeschäften. 195

Wir waren frei nun, erneut durch das Feld des Himmels zu wandern.

Hinauf wir stiegen, sahn Wälder und Dörfer unter uns liegen,

Höher und höher - so trugen uns Winde und unsre Schwingen!

Nichts war so herrlich, wie endlich im Frühling ganz frei zu fliegen!

Grausames Schicksal! Erneut sollt's Verderben über uns bringen! 200

Schreien erhob sich, es tönte gar schrecklich zu uns herauf

Menschlein, so winzig, mit Bogen und Pfeilen trefflich bewehrt

Speere und Lanzen, gerüstete Ritter kamen zu Hauf,

Uns anzugreifen! Die Pferde, von Furcht und Pein fast verzehrt!

Was ließ sie fürchten die Drachen dort oben im Windesflüstern? 205

Furchtschweiß der Menschen sprach ihnen von Schmerzen und frühem Tode.

Schäumend am Maule, die Augen wild rollend, blähend die Nüstern,

Rissen mit Hufen das Land auf, zerstörten die saftgrüne Sode.

Ach! Welch ein Zittern durchfuhr sie! Das Fremde konnten sie wittern,

Es ging ein Beben durch Muskeln und durch ihre starken Flanken! 210

Angespornt ständig von Männern des Königs und edlen Rittern

Sollten sie stehen - wie Mauer und Festung! Niemals zu wanken

Und nicht zu schwanken, sie tranken der Menschen eignes Versagen,

Fraßen die Angst auch, die Bauern empfanden, als sie uns sahen...

Laut klang ihr Wiehern, doch lauter das Schreien und weibisch Klagen 215

Furchtsamer Männer! Sie fühlten den Schrecken fürchterlich nahen!

Schon flogen Pfeile zum Himmel, doch flogen sie völlig nutzlos:

Fehlten die Ziele! Wir Drachen empfandens wie einen Dorn,

Bohrend im Herzen. Die Menschen dort unten, vollkommen schutzlos,

Mussten erkennen: Gewaltig und rasend war unser Zorn! 220

Wir stießen nieder, und spieen das Feuer wieder und wieder,

Brannten und schlugen, ohn Vorsicht hinab in jenes Gedränge...

Soviele starben, es klangen am Abend die Totenlieder:

Dort auf den Wiesen und über den Wolken Trauergesänge.

Schwärzester Tag aller Tage! Die Klage auf der Bergspitze 225

Dröhnte hinunter, und Grauen erfüllte Menschen mit Schmerz.

Wir trugen Wunden, im Kummer entsandten wir Drachen Blitze,

Gar schrecklich gleißend, sie sengten den Menschen Furcht tief ins Herz.

Niemals verstanden wir, was Euch bewogen, uns zu bekämpfen.

In dieser ersten der vielen noch nachfolgenden Blut-Fehden 230

Waren wir stark genug, konnten das Mütchen trefflich Euch dämpfen,

Aber das Schlachten bekümmerte alle, ängstigte jeden.

Nur dieses Wissen um Wunden, in Panik dem andern gerissen,

Quälte uns alle. Und mancher verfiel schon sogleich dem Blutrausch.

Nie vorher kämpften wir Drachen mit Menschen und niemals rissen 235

Wir Ihnen Köpfe vom Körper in wilder Gier nach dem Bluttausch.

Verloren die Unschuld der frühen und glücklich-fröhlichen Jahre!

Funken entzündet zu Zeiten, da wir noch vom Hassen kein bisschen ahnten...

Fliegen in Freiheit, und Achtung des andern das einzig Wahre -

Welch düstre Monde und Kriege sich ihren Weg heimlich bahnten! 240

Noch dachte keiner der Drachen, dass täglich wir fürchten müssten

Angriff und Kriegslist, Verfolgung und hinterhältiges Morden.

Glaubten wir wirklich, dass wir um die Zukunft schon alles wüssten,

Als wir die Heimat verließen zum Ziele den fremden Norden?

Kehrten zurück zu den Bergen, verfolgt von des Königs listigen Schergen, 245

Sicherheit fanden wir nicht auf den Gipfeln über den Wäldern!

Weh! Wir versteckten uns wieder im Dunkel, dort bei den Zwergen,

Flogen nur nachts noch, warn einsam in funkelnden Sternenfeldern.

Wir schlugen Bären und Schafe wohl, manchmal auch starke Rinder,

So dass wir füllten die Kammern der Zwerge, die uns betreuten. 250

Als eines Abends dann jagen flog Fordomar, der Bergfinder,

Ward er in Ketten geschlagen von König Udubrands Leuten.

Weh ihm! Der stolze, helläugige Sproß von edelstem Stamme

Lag nun gedemütigt, wund wohl am Körper als an der Seele.

Tödlich getroffen vom Speere des Ritters erlosch die Flamme, 255

Die einst sein Leben getragen, im Inneren seiner Kehle!

Eiserne Ketten! Sie hielten ihn fest - nichts konnte ihn retten,

Dennoch durchbohrte der Ritter Lars Grimmschild Fordomars Leib!

Wild wogte Wut in den Herzen der unsren - war nicht zu glätten.

Wir brachten Tod über Grimmschildens Clan und Grimmschildens Weib. 260

Keine Gerechtigkeit - Schlechtigkeit führte meuchelnd die Hand,

Darob wir zürnten den Menschen in Udubrands grünem Reich.

Auf starken Schwingen wir flogen und brachten Brand übers Land,

Machten die Häuser und Dörfer, die Burg dem Erdboden gleich!

Und es erhob sich ein Schreien und Zetern und großes Klagen; 265

Unter den Menschen kaum einer, der keinen Bruder verlor.

Fürchterlich rächten wir Fordomars Tod, erzählen die Sagen,

Doch wer nur eine der Seiten betrachtet ist ja ein Tor!

Wer wollte messen, wes Leid leichter wog, oder vielleicht wessen

Rache gerecht sei? Kein Blutzoll ist jemals gut oder rechtens. 270

'S Sollten die Schinder Bergfinder im Leben niemals vergessen -

Zeiten der Rache begannen, des Jagens, und die des Ächtens.

So brachten Menschen und Drachen gemeinsam endloses Leiden

Über die Felder und Auen von Udubrands blassen Kindern.

Uns war es üblich solch Kämpfe mit Menschen ganz zu vermeiden, 275

Aber wir konnten die Wut und den Zorn auch nicht mehr verhindern.

Verderben streckte die schmutzige Hand nach uns Drachen aus!

Einmal mit Blut so besudelt vergaßen bald wir die Ehre,

Die wir einst hatten, im Süden vor Zeiten im Drachenhaus...

Könige riefen die Menschen und stellten auf große Heere, 280

Schlachten zu schlagen, im Kampf gegen Drachen alles zu wagen,

Sie zu verfolgen ans Ende der Welten und immer weiter.

Laut klang ihr Schlachtruf, es tönte von Burgen an allen Tagen:

'Kommt nun, ihr Burschen, ihr Männer, Streiter und Reiter!

Tod den Verdammten! Geht, jagt sie mit Äxten und mit dem Bogen, 285

Drachenblut tränke den Boden zu Euren wackeren Füßen,

Nie wieder komme ein feuriger Drachen zu uns geflogen -

Wir werden mutig und kämpfend die Feinde bei uns begrüßen!

Wir wussten, alle dort hatten sich gegen uns fest verschworen,

Tief im Versteck unterm Berge hielten wir unsern Rat. 290

Nicht für Minuten nur gaben wir unsre Hoffnung verloren,

Wir waren stärker als Menschen in Kämpfen und jeder Tat!

All unsre Weisen und Alten, Erfahrnen, saßen in Kreisen.

Traurig besprachen sie Taktik und Kriegsplan wider die Ritter,

Wollten der Welt und den Menschen besonders etwas beweisen: 295

Wir waren sanft und auch friedlich, wohl traurig - aber nicht bitter!

Mimradroor Zwergenfrau,Bergenfrau spendete uns viel Trost

In dieser dunkelsten Stunde der Drachen so langen Lebens.

Auch sprach Burumdroor, der Zwergenfürst - Er war ernsthaft erbost.

Sprach von der Falschheit, den Lügen, der Willkür menschlichen Strebens. 300

An diesem Tage enthüllte er uns, was ihm widerfahren,

Was aus den Wäldern getrieben Burumdroor mit seinen Mannen.

So sprach der Zwergenmann: 'Hört mich an! Ich bin schon alt an Jahren,

Lebte einst frei unter Linden und Buchen und dustren Tannen.

Meine Gefährten, die Tiere, uns Gastfreundschaft gern gewährten, 305

Ließen uns teilen ihr Leben im Dämmer kraftvoller Wälder,

Gingen voraus, um zu sichern - wir folgten dann ihren Fährten...

Herrlich zu kosten die Früchte der üppig tragenden Felder

Kühl mondbeschienen, getaucht in das fließende Silberlicht

Immer nur nächtens im Zauber der Stille ruhender Wiesen 310

Streifte ich glücklich! Ich sang dann und sprach manch Sternengedicht,

Ungesehn wandernd, ohn Furcht vor den Menschen oder den Riesen.

Unter dem Tage dann schliefen wir. Sicher unter den Wurzeln,

Hatten dort Höhlen wie Nester. Mein ewiger Dank den Bäumen!

Hielten uns fest dort, und ließen uns niemals vom Berge purzeln, 315

Gaben uns Ruhe in warmen und grünumschatteten Träumen!

Aber die Kunde von Zwergen im Walde machte die Runde

In ihren Dörfern, doch hörten die Menschen von uns nicht gern

Wollten uns fangen und töten, sie hetzten auf uns die Hunde -

Ahnten ja nicht, dass uns keines der Tiere im Wesen fern. 320

Und also sprachen die Hunde den Zwergen von ihren Leuten,

Sie glaubten, wir hätten Schätze gehäuft in unsern Verstecken

Sie würden kommen mit Meuten, die Schätze schnell zu erbeuten,

Mein ganzes Zwergenvolk meuchlings und ruchlos dahinzustrecken!

Kein Tag der Ruhe war uns noch beschieden, nichtmal ein Jahr 325

Ging in das Land, bis wir Höhlen uns gruben tief in die Berge -

Trauer im Herzen, doch angsterfüllt fliehend vor der Gefahr.

Weh! Welch ein Schicksal die Menschen doch brachten über uns Zwerge!'

Dann schwieg er stille, Burumdroor, Der Fürst, denn es war ja sein Wille,

Dass wir erahnten die Bosheit des menschlichen Kampfesstreben, 330

Wollte verhindern, dass Mordlust und Gier sich an uns erfülle.

'Wir fanden neues Glück, Stück für Stück, Glanz kam in unser Leben",

So sprach nun Mimradroor, streichelnd den Bart des Burumdroor,

'Weißt Du nicht, Zwergenfürst, Silber und Edelstein gab uns Freude,

Reichtum und Wärme wie wir sie niemals gekannt je zuvor! 335

Neu war die Heimstatt, doch sicher hier unten im Berggebäude."

Glut auf den Wangen, ein Strahlen! - Burumdroors lichthelle Augen

Sprachen von Liebe zum eldelsten Weibe dort unter allen -

Ihr wollten Klagen und Zweifel am Schicksal nicht taugen.

'Ja', sprach der Fürst nun, 'wir ernteten Reichtum in diesen Hallen, 340

Aber wie gerne schenkt ich Dir den Anblick funkelnder Sterne

Nächtens am Himmel, dort draußen in taufeucht glitzernden Auen,

Zeigte die Bahnen des Mondes Dir - Welch Pracht in der Ferne!

Aber stattdessen sind wir nun gezwungen, Höhlen zu bauen...'

Feierlich blickten sie zu uns und hielten sich an den Händen, 345

'Ihr könnt hier bleiben, das Leben mit unserm Volke zu teilen!',

Neigten die Häupter, und so tat die Rede dann schließlich enden.

Also beschlossen die Drachen, im Zwergreich ewig zu weilen.

Fesseln umschlossen mein Herz und mein Denken, die Träne quoll,

Aber des Drachen Weg oftmals ist seltsam und recht verschlungen. 350

Funkelnde Augen, so golden wie keine, so lebensvoll,

Sahen in meine! Lumella, du Schönste, hast mich bezwungen!

Es war nur ein Blick - doch wusste ich, sie war mein Leben und Glück,

War meine Zukunft, mein Hoffen, Mein Träumen und auch mein Licht.

Liebste Lumella! Es gab nur noch vorwärts - nie mehr zurück, 355

Immer nur hin zu der Einen so feinen - oh, liebstes Gesicht!

Lichteste Bläue, das Schuppenkleid herrlich in seinem Glanze,

Saphirne Flügel, durchlassend das Flackern der Zwergenfeuer...

So unbeschreiblich die Anmut, die Stimme - einfach das ganze!

Meine Lumella - nein, niemals war mir noch etwas so teuer!" 360

Blutrote Sonne erhob sich, der Morgen schlich sich ins Land.

Still warn die Menschen, gefangen, berührt auch von den Geschichten,

Die sie vom Drachen vernommen - sie waren fast wie gebannt,

Konnten nicht denken ans Tagwerk und übliche kleine Pflichten.

Sie überdachten Gehörtes von Schlachten, die doch Angst machten, 365

Und auch von Liebe und Trauerzeit. Stagonat aber schwieg,

Wartend darauf, dass die Menschen nun tanzten und vielleicht lachten:

Frei endlich! Glücklich auskostend den so hart erkämpften Sieg.

Doch nicht nach Rache stand ihnen der Sinn jetzt, noch nach dem Tod...

Niedergeschlagen berieten die Männer die nächsten Schritte, 370

Fluchten der Sonne, des Morgens, denn zu bald kam dieses Rot!

Fühlten sie Mitleid für Stagonat, Drachen in ihrer Mitte?

Es war Verwirrung, die alle empfanden nach dem Bericht;

Vollkommen andre Geschichten erhofften sie zu erfahren,

Passend zu dem, was sie kannten aus manchem Heldengedicht, 375

Das schon die Alten gesungen vor Zeiten in allen Jahren.

Nein! Keine Sage, kein Lied voller Leiden und schwerer Klage

Lässt all die Hörer zurück mit Gefühlen seltsamen Kummers,

Mit innrer Unruh, vor allem mit einer wichtigen Frage:

Ist alles anders gewesen? Nein! Das beraubt uns des Schlummers! 380

Einmal entstanden, da plagte der Zweifel Männer und Frauen.

Sprach er die Wahrheit? Der Erzfeind, die Geißel ihrer Geschicke?

Konnten sie Stagonats Worten und Seufzen denn wirklich trauen?

Unsicher sahn sie zu ihm hin und tauschten heimliche Blicke.

Neugier stieg auf in den Herzen der Menschen, sie wollten wissen, 385

Wie die Geschichte nun fortschritt, wer war dieses Drachenweib?

Uralt die Sagen von Grimmschild... nein, sie wollten nicht ein Stück missen,

Alles noch hören, bevor sie zerstörten des Drachen Leib.

Jene Beschreibung, der Anfang vom End, die Zwergenvertreibung,

Ließ sie erschauern, bedauern des Bergvolks arges Geschick. 390

Und also trafen sie eine besondre, neue Entscheidung:

Nahmen ihr Urteil und dessen Vollstreckung vorerst zurück,

Nicht bevor alles erzählt war, sollt Stagonat brennend enden!

Sie riefen Schmiede, die Ketten des Drachen fester zu zurren,

Fürchtend Sturmreiter, er möge sich gegen die Menschen wenden. 395

Toren! Schon längst hatte er aufgegeben, ohne zu murren.

letzte Änderung: 18.02.2004, 18:00 h

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