Prolog zum ersten Band der "Jara-Trilogie"
Ich wurde geboren mit der Erinnerung an die Sterne über der Wüste. Wann immer ich in meinem Leben die Augen schloss, waren sie für mich sichtbar. Ihr kostbares Glitzern in der weichen, samtenen Schwärze des Himmels. Ich sprach nur einmal darüber, mit ihm, aber er hat mich verraten. So blieb es fortan mein tiefstes und innerstes Geheimnis. Doch jetzt, da ich dem Ende meines Lebens schon so nahe bin, jetzt will ich mich erinnern, was jene Sterne für mich bedeuteten, wie ich durch diese Welt ging und was durch mein Zutun in dieser Welt verändert wurde, um nie mehr zu sein, wie es einmal war. Einmal – vor so vielen Jahren, vor so vielen Leben.
Die Tage auf Kargassin sind angenehm, die Sonne scheint und das Klima ist freundlich zu meinen alten Gelenken, meinen müden Knochen und erschlafften Muskeln. Aber die Nächte sind quälend lang, mit ihrer Kälte und der Feuchtigkeit, mit ihren kreischenden Nachtvögeln, mit dem beständig um den Turm streichenden Wind. Der Wind ist ein Schandmaul. Er wispert, bringt Gerüchte und Verleumdung, er stachelt an und deprimiert zugleich – früher einmal war er mein Freund.
Ja, am Tage gehe ich oft stundenlang am Wasser auf und ab, zuweilen wandere ich den ganzen Tag über die Insel, nur um zu wissen, dass mir noch nicht alle Kräfte verloren gingen. Dort unten am Strand überkommt mich noch manchmal ein Gefühl der Freude. Ich schreie die Wogen an, wenn sie sich gegen die Küste werfen, lache sie aus, wenn sie sich auftürmen zur Höhe dreier Männer und mehr. Ich mache Gesichter, wie damals als ich noch ein Kind war und es nicht besser wusste...
Heute weiß ich so vieles, das ich lieber nie hätte wissen wollen. Aber so wird es wohl immer sein. Am Ende eines Lebens. Die Erinnerungen, die wir erwerben, sind nicht unbedingt die, die wir uns wünschen, entsprechen kaum dem eigenen Ideal der Welt. Dennoch sind wir gezwungen, sie zu akzeptieren, mit ihnen zu leben.
Heute früh dachte ich darüber nach, welche Momente meiner Zeit ich gern vergessen würde – oder welche Ereignisse ich gar, wenn es denn ginge, ungeschehen machen wollte. Ich fand nicht einen einizigen. Ich muss zugeben, dass mich das überrascht hat, denn nicht jeder Tag war ein guter Tag, nicht alles was ich tat war das, was ich tun wollte. Aber ich tat jeweils das, das mir zu diesem Zeitpunkt das Richtige zu sein schien, und so würde ich immer wieder handeln.
Ja... ich glaube, ich habe alles soweit richtig gemacht, wie es meinen Möglichkeiten entsprach. Ich habe genau so viel geleistet, wie ich zu leisten im Stande war – nicht weniger.
Ich weiß, dass die Menschen noch heute Lieder singen, in denen meine Taten so wunderbar und so einfach klingen. Aber ich weiß natürlich auch, dass die meisten Menschen froh darüber sind, dass ich auf dieser Insel, in diesem Turm lebe und nie wieder einen Fuß auf das Festland werde. Jene nennen mich Hexe und verfluchen mich. Sie sind einfachen Gemüts und wissen es nicht besser. Wie können sie auch? Ich verurteile sie nicht.
Ich werde meine Geschichte erinnern, vom Beginn an. Auch die Dinge, die mir berichtet wurden, Geschichten über mich und um mich herum, die meiner eigenen Erinnerung hinzugefügt wurden.
Ich tue dies nicht, um für andere ein Zeugnis abzulegen, ich tue es für mich. Damit ich noch einmal mit all meinen Sinnen in mein Leben zurückkehren kann, bevor es mir endgültig entgleitet. Ich fühle, dass mir nicht mehr viel Zeit beschieden ist, so will ich ans Werk gehen, ehe es zu spät ist.
Die Sterne über der Wüste, dieser endlose, gewölbte Nachthimmel – ja, das ist meine erste Erinnerung. Die tiefste und noch immer frischeste inmitten all der Bilder und Klänge, der Gerüche und Gefühle, die in meinem Gedächtnis schlummern. Und dieses friedlich nächtliche Schimmern in meinem Innern macht mir mein selbst gewähltes Exil erträglich. Denn es ist das einzige, das sich in meinem Leben nie verändert hat, ich wurde damit geboren und ich werde damit sterben.